Artikel aus fnp, 14.12.2017 v. H. Lachnit

Artikel aus fnp, 14.12.2017Herzstillstand zwischen Drogerie-Regalen

Laura Mohrs Leben hing im August an einer Rettungskette. Ersthelfer, „Helfer vor Ort“, Rettungsdienst und Krankenhaus verlängerten ihr Leben: Nur weil jedes dieser Kettenglieder funktionierte, konnte Laura Mohr vor einigen Tagen ihren 30. Geburtstag feiern.

VON HEIKE LACHNIT

Am 8. August bricht Laura Mohr im Drogeriemarkt in Frickhofen zusammen. Irgendwo zwischen Körpermilch und Babywindeln beginnt der Kampf um das Leben der 29-Jährigen.

Ein Kunde lagert die Beine hoch, ein anderer ergreift die Hand und versucht, die Frau anzusprechen.

So etwas passiert nicht zum ersten Mal. Laura Mohr hat Herzprobleme, trägt deshalb einen „Event-Recorder“, der ihre Vitalfunktionen aufzeichnet. Das soll helfen, der Ursache auf die Spur zu kommen. Doch das Gerät bewirkt natürlich im akuten Notfall überhaupt gar nichts. Und diesmal war es nicht nur eine Ohnmacht. Eine Krankenschwester aus dem Limburger St.-Vinzenz-Krankenhaus begreift den Ernst der Lage. Conny Türk (54) aus Nentershausen interpretiert die weit aufgerissenen Augen, die nach oben gerichteten Pupillen, die Krämpfe und die dunkelblaue Haut der Frau richtig. Die Krankenschwester beginnt mit Herz-Druck-Massage und Mund-zu-Mund-Beatmung.

In Dorchheim ist ein Rettungswagen stationiert, der binnen weniger Minuten vor Ort sein könnte – wenn er nicht gerade einen anderen Patienten hätte. Die Leitstelle der Feuerwehr schickt einen Rettungswagen aus Limburg los – und die „Helfer vor Ort“: Zehn Mitglieder des Roten Kreuzes, die vor Ort arbeiten und leben, halten sich ständig bereit, um in ihrem Ort einzugreifen. Sie überbrücken die Zeit bis zum Eintreffen der hauptamtlichen Retter. In diesem Fall schnappen sich Alexander Flügel und Marcel Radermacher ihre Taschen und fahren unabhängig voneinander zum Drogeriemarkt.

Kein Puls

„Als ich ankam, lag eine junge Frau in stabiler Seitenlage“, erinnert sich Alexander Flügel. „Durch meine Erfahrung als Rettungssanitäter sah ich, dass die Frau Kreislaufversagen hatte.“ Er fühlt keinen Puls, dreht sie auf den Rücken und beginnt erneut mit Wiederbelebungsmaßnahmen. Marcel Radermacher hat einen Defibrillator dabei. Mit Stromstößen versuchen die Retter, das Herz wieder zum Schlagen zu animieren. Bis zum Eintreffen des Rettungswagens und Notarztes wechselten sich die beiden mit der Wiederbelebung ab und massieren etwa fünf Minuten lang das Herz der Frau und pumpen Luft in ihre Lungen. Dann greift das nächste Glied der Rettungskette: Die Notfallsanitäter greifen zu LUCAS, einem Thoraxkompressionsgerät.

Etwa 45 Minuten, heißt es später, dauerte dieser Kampf um das Leben der 29-Jährigen.

An all diese Vorgänge kann sich Laura Mohr nicht erinnern. Als sie erwacht, denkt sie, sie sei „bloß“ wieder ohnmächtig geworden. Tatsächlich jedoch sind zwei Tage vergangen, seit sie ohne Puls und Atmung auf dem Boden des Drogeriemarktes lag. Zwei Wochen liegt sie auf der Intensivstation. Sie bekommt ein Gerät eingesetzt. Wenn ihr Herz nun wieder einmal unregelmäßig schlagen sollte, verstößt dieses Gerät gezielte Stromschläge aus, um ihre „Pumpe“ wieder in den richtigen Rhythmus zu bringen.

Drei Wochen verbringt sie in der kardiologischen Reha-Klinik in Wiesbaden. Als ihr im Nachhinein klar wurde, wie knapp sie dem Tod entronnen ist, sei ihr schon komisch zumute gewesen, erzählt Laura Mohr. „Aber schlimmer wäre es für meine Familie gewesen“, ist sich Laura Mohr sicher. Sie lebe nun wie vorher – „bis aufs Rauchen“. „Zwischen uns wird immer etwas ganz Besonderes sein“, schreibt Laura Mohr in einer Dankeskarte an Krankenschwester Conny Türk.

Meik Flügel koordiniert die Helfer vor Ort. „Die Laien vor Ort waren ein kleiner Baustein in der Helferkette, so dass Laura am Ende gerettet werden konnte.“ Daher appelliert er auch an jeden, einen Ersthelfer-Kurs zu machen. „Wer regelmäßig einen Ersthelfer-Kurs besucht, traut sich bei einem Vorfall auch, erste Hilfe zu leisten“, so Flügel. Nur so habe auch der Rettungsdienst eine Chance, der nicht direkt vor Ort ist. – Den Helfer vor Ort gibt es seit 2011 in Frickhofen; er besteht aus zehn Ehrenamtlichen. Sie rücken häufiger aus. Der Vorfall mit Laura Mohr ist der zweite Einsatz, bei dem sie durch ihre Anwesenheit Menschen retten konnten. „Das sind die Einsätze, die mich motivieren, auch nachts um drei Uhr bei einer Alarmierung aufzustehen“, so Flügel. Zudem seien die Menschen hier vor Ort, man begegnet sich und wird immer wieder an seine gute Tat erinnert.

Zusatz-„Defi“ nötig

Meik Flügel wünscht sich für die Helfer vor Ort einen weiteren Defibrillator. Sanitäter sprechen zeitsparend von „Defi“. Das Gerät ist bei Marcel Radermacher im Auto und nicht im DRK-Gebäude. „Indem das Gerät bei einem Helfer ist, können diese bei einer Alarmierung direkt zum Ort des Geschehens fahren und verlieren keine Zeit, indem sie erst zum DRK-Gebäude fahren“, erklärt Flügel. Da aber Marcel Radermacher nicht immer in Dornburg ist, kann nicht sichergestellt werden, dass auch immer ein Defibrillator vor Ort ist. Daher hofft Meik Flügel auf Spenden, um ein weiteres Gerät anzuschaffen.

Conny Türk, der Krankenschwester aus Nentershausen, ist nach dieser Erfahrung aber noch etwas anderes wichtig: Indem sie diese Geschichte erzählt, will sie vor allem Menschen dafür sensibilisieren, sich mit dem Thema Reanimation zu befassen: „Es ist doch traurig, dass die meisten Menschen das nur dann lernen, wenn sie es für den Führerschein brauchen.“ Ein Besucher des Drogeriemarktes in Frickhofen hat für sich persönlich auch seine Lehren aus dem Vorfall gezogen: „Ich weiß jetzt, was ich als nächstes mache: Einen Erste-Hilfe-Kurs.“